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„Rhetorik Global“

07.05.2019

Politik trifft auf echten Bürger … und das Worthülsenfeuerwerk nimmt seinen Lauf.

Aber von vorne: am Sonntagabend (05. Mai) ging es bei Anne Will um die geplante Erhebung einer neuen Steuer, einer CO2-Steuer, die alle Bürger zu entrichten hätten, wenn sie z.B. Auto fahren oder mit Heizöl heizen oder… Der Deutsche Bürger reagiert empfindlich, wenn eine neue Steuer zu befürchten ist; denn Steuern, einmal eingerichtet, werden, wenn überhaupt, nur sehr, sehr zögerlich wieder abgeschafft. Entsprechend hitzig und emotional war die Debatte.

Ioannis Sakkaros, Bürger, angestellt bei Porsche, bekennender Dieselfahrer und Initiator der Gelbwesten-Proteste in Stuttgart hat nach der Anmoderation das erste Statement und fragt die anwesenden Politiker: „Wir zahlen bereits Ökosteuern […] wo ist das ganze Geld hin?“ Die Moderatorin gibt die Frage an Annalena Baerbock, Parteivorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, weiter und spitzt zu: „Warum sollte Herr Sakkaros der Politik vertrauen?“

Replik Baerbock: „Ich kann Ihren Frust total verstehen, den Sie angesprochen haben…“ Sakkaros, nicht im Bild, wehrt sich aber hörbar gegen die Zuschreibung, er sei „frustriert“. Zu schwach; denn die Grünenpolitikerin, ebenfalls bekennende Dieselfahrerin, benutzt ihre Behauptung zum emotionalen Zustand ihres Gegenübers, lenkt das Gespräch brachial auf den Dieselskandal, versucht damit eine Gemeinsamkeit der Opfer des Dieselskandals herzustellen und weicht damit einer konkreten Antwort auf eine konkrete Frage, nämlich die nach den Steuern, aus. Mit der rhetorischen Brechstange führt Annalena Baerbock vor, wie der beim Bürger wenig goutierte Politikersprech geht: Verständnis zeigen (Stichwort: Zuhören), ein Wir herstellen und dann auf ein anderes Thema lenken, was zwar eine Verbindung zur gestellten Frage hat, aber weitaus weniger gefährlich ist. Das erzeugt dann wirklich „Frust“.

Rhetorischer Höhepunkt des ersten Statements der Politikerin: „Politik muss Verantwortung übernehmen und den Vertrauensverlust wieder gut machen.“ – gemeint ist der Dieselskandal, nicht die zu hinterfragende Verwendung der Ökosteuer. Grandios. Zuschauer und Zuschauerin Normalverbraucher warten nun gespannt auf die Erläuterung, wie „Vertrauensverlust wieder gut“ gemacht werden soll und natürlich immer noch auf die Beantwortung der Frage, was denn die Ökosteuer, die ja den Umweltschutz sozusagen im Namen führt, tatsächlich zur Steuerung des Klimas und seiner Verbesserung beiträgt? Vergebens. Stattdessen erfahren Zuschauer und Studiogäste von der Parteivorsitzenden, dass es „die Politik“ genauso wenig gäbe wie „die Autofahrer“. Ein Nullsatz mit der Subbotschaft: wir („die Politik“?) übernehmen garantiert keine Verantwortung.

Und so geht es in der Sendung weiter. Konkrete Umsetzungsbeispiele, die aufzeigen, wie dem zunehmend bedrohlichen Treibhausgases rasch beizukommen ist, die sich dann mit einer zusätzlichen Steuer finanzieren und mit ebenso konkreten Gesetzen flankieren lassen, werden kaum gestreift. (Steuern und Gesetze sind die einzigen Instrumente, die die Grünenpolitikerin für die Verbesserung der CO2-Bilanz im Verlauf der Sendung nennt.)

Oberflächlich betrachtet mag es rhetorisch geschickt erscheinen, konkreten und emotional aufgeladenen Fragen auszuweichen, dem Gegenüber einmal übers Haupt zu streichen, mit dem Hinweis, dass man ihn oder sie verstehe, um mit einem „aber“ einfach einen neuen Debattenschauplatz zu eröffnen – zu empfehlen ist es nicht, will man auch in Zukunft glaubwürdig bleiben und Vertrauen eben nicht verspielen. Die Tücke der Subbotschaften, der verbalen wie der nonverbalen, besteht darin, dass sie sehr wohl verstanden werden, aber nicht rational sondern emotional, sozusagen „subkutan“. Und „unter der Haut“ wirken sie viel tiefer und gründlicher als jede Phrase, jedes Ablenkungsmanöver, das als vermeintliches Argument daher kommt.

12.04.2019

Very Britisch?

Geht’s ums Geld, geht’s ums Ganze – überall auf der Welt, in jeder Familie und in jeder Regierung.

Im House of Commons ist der Schlagabtausch zwischen Premierministerin Theresa May und dem Parteivorsitzenden der Labourpartei, Jeremy Corbyn sehr lebendig. To say the least. Ob Kinderarmut oder sinkende Einkommen der mittleren und unteren Gehaltsklassen, es wird Penny um Penny scheinbar erbittert gestritten, gesteuert durch Mr. Speaker, der entweder May oder Corbyn aufruft, um der jeweiligen Replik des Anderen etwas entgegen zu setzen.

Lediglich getrennt durch einen Rednertisch antworten die Diskutanten direkt, müssen sich beim Zuhören immer wieder setzen und stehen zum Reden wieder auf. Man kann eine Vorsichtsmaßnahme im ältesten Parlament Europas vermuten, die in der Vergangenheit eine körperliche oder gar bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den Kontrahenten vermeiden half – ähnlich wie die rote „Bianca-Line“ die Abgeordnete der verschiedenen Lager auf Abstand von zwei Schwertlängen hält.

Statt mit geschliffener Klinge sucht man nun den Gegner durch eine scharfe Rhetorik in die Enge zu treiben. Ein Rhetorik, die schnell auf den Punkt kommt, Fakten nennt und mit sehr wenig Worthülsen auskommt, begleitet durch ein lautstark zustimmendes Yeah, Yeah oder ein ablehnendes Raunen der Abgeordneten. Man sitzt sehr eng und kuschelig auf zwar gepolsterten Bänken, aber eben auf Bänken, die ihren Namen verdienen, sind sie doch weit entfernt von der Bequemlichkeit der Sessel im Bundestag.

Eine solche Nähe und die Tradition (auch der heftigen) politischen Debatte sorgen für einen Grad an Emotionalität, die dem deutschen Betrachter fremd vorkommen mag, für den das Bild der englischen Zurückhaltung mit den Temperamentsausbrüchen britischer Politiker nicht so recht zusammen passen will. Inzwischen sind wir mit den Debatten „dank“ des Brexits etwas vertrauter, aber beim Vergleich mit einer Anhörung im Deutschen Bundestag, wirkt letzterer sehr still.

In jedem Fall lohnt es May und Corbyn bei der Arbeit zuzusehen. Trotz der Heftigkeit, verliert keiner von beiden die Contenance, bleibt rhetorisch scharf, emotional engagiert (möglicherweise durchaus kalkuliert) und authentisch.

Die Debatte bei Youtube gibt es hier.

29.03.2019

Die Tücken des Manuskripts oder warum alle Rede ohne persönliche Präsenz nichts ist.

Zwei engagierte Reden. Zwei Politikerinnen. Julia Reda hält im EU-Parlament ein flammendes Plädoyer gegen die (inzwischen beschlossene) EU-Richtlinie zu geplanten Uploadfiltern für Social Media Plattformen. Die junge Parlamentarierin hat mit den z.T. lautstarken, auf dem politischen Parkett allerdings nicht ungewöhnlichen Störungen ihrer politischen Gegner zu kämpfen, aber auch mit eigenen Schwächen, die wie eine Einladung auf manchen Zwischenrufer wirken mögen.

Stichhaltige Argumente, wenngleich mit Emphase vorgetragen, wirken deutlich schwächer, wenn sie nur abgelesen werden und der Blick eher am Redemanuskript haften bleibt, statt den Kontakt mit den Zuhörern zu suchen. Natürlich fällt das nicht leicht, wenn das Publikum einem selbst bzw. den eigenen Argumenten nicht gewogen ist. Brodeln im Inneren dann auch noch Emotionen, weil man für das Thema eben brennt, kann es durchaus sein, dass man sich selbst nicht mehr so ganz über den Weg traut und sich lieber auf den bereits fertig formulierten Text verlässt.

Zu empfehlen ist das nicht, v.a. dann nicht, wenn es um’s Ganze geht. Die (inzwischen ehemalige) Vertreterin der Piraten verliert an Präsenz, überlässt während längerer Phasen des Ablesens ihren Gegnern den Raum, ihren Raum. Eine solche Situation lässt sich gefühlt mit der eines Raubkatzen-Dompteurs in der Zirkusarena vergleichen. Eine Unaufmerksamkeit, mangelnde physische, aber auch psychische Präsenz können für den Dompteur böse Folgen haben. Während einer kritischen Redesituation kann fehlender Kontakt, ein Ausweichen mit dem Blick von den nicht wohlwollenden Zuhörern als „Flucht“ gewertet werden. Das geschieht meist unbewusst, hat aber zur Folge, dass bei einigen der „Jagdinstinkt“ geweckt wird und die unglückliche Dynamik – wenn auch nicht lebensbedrohlich – ihren unangenehmen Lauf nimmt.

Zur physischen Präsenz zählt v.a. in angespannten Momenten auch die Stimme, die bei Julia Reda durch das laute Reden angestrengt klingt, d.h. etwas zu hoch und zu flach. Das Volumen fehlt, so dass die Politikerin akustisch dünn und klein wirkt. Lautes Reden will gelernt sein und sechs Minuten können dann sehr, sehr lang werden. Die Souveränität schwindet, und der Gesamteindruck entspricht dann oft nicht der inhaltlichen Qualität des Vorgetragenen. Die Rede von Frau Reda bei YouTube.

Sahra Wagenknecht liest im Bundestag Angela Merkel und ihrer Großen Koalition ob der EU-Politik die Leviten, nicht vom Blatt, sondern frei. Das Manuskript dient lediglich als Stichwortgeber, führt als roter Faden durch die Rundumkritik. Am Rednerpult steht eine erfahrene Politikerin, die rhetorisch geschickt die passenden Begriffe wählt, um ihre Zielgruppe zu adressieren und die sich in wohldosierter Polemik auskennt. Der häufige Blick ins Plenum garantiert notwendige Präsenz, die es in der politischen Manege braucht – und nicht nur dort. Die direkte Ansprache verleiht den Botschaften die adäquate Betonung mit stets volumenreicher Stimme, ohne künstlich wirkende Emphase.

Die offene Hinwendung zur Kanzlerin ist angriffslustig. Die reagiert demonstrativ mit zur Schau gestellter Gleichgültigkeit, beschäftigt sich mit ihrem Smartphone, geht umher, parliert mit anderen – und macht keine gute Figur. Den Gegner bei seinen Reden möglichst zu ignorieren, gehört zwar zum politischen Spiel; vom Wahlvolk wird das Verhalten jedoch nicht goutiert, vielmehr in den YouTube-Kommentaren bissig kommentiert bis zur Forderung nach einem Smartphone-Verbot für den Bundestag. Die Rede Wagenknechts wirkt engagiert, aber nicht nervös und aufgeregt. Sie geht, als Siegerin vom Pult. Der Auftritt war souverän. Ihre langjährige Erfahrung kommt ihr zugute. Hier Frau Wagenknechts Beitrag bei YouTube.