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„Rhetorik Global“

06.12.2019

Technik allein macht noch kein gutes Video

Heute mal ein ganz anderes Thema. Video.

Neulich unterhielt ich mich mit einem Geschäftsführer eines, sagen wir, größeren Unternehmens, der sich darüber beklagte, dass seine mit dem Handy erstellten und für Kunden und Mitarbeiter gedachten Video-Podcasts „lediglich“ etwas mehr als 2000 Klicks erreichten. Eine gute Ausbeute, meinte ich; denn schließlich handelt es sich ja nicht um Katzenvideos, die – ganz süß – die Laune heben (auch meine), für eine sehr breite Öffentlichkeit gedacht sind und deren Qualität auch nicht so wichtig ist, solange die verspielten Tiere nur zu erkennen sind.

Abhängig von Thema und Ziel eines Videos genügen manchmal sogar nur 5 Klicks, wenn die Person dabei ist, die man eigentlich adressieren wollte. Auch das habe ich erlebt: eine Podiumsdiskussion thematisch und filmisch schlüssig zusammengefasst und der erhoffte Anruf von einem potentiellen Kunden oder Geschäftspartner ließ nicht lange auf sich warten.

Mit einem kurzen Video lassen sich Themen setzen, Auskunft über das eigene Unternehmen geben; es kann aber auch ganz persönlich als visuelle Visitenkarte dienen. Die Google-Algorithmen mögen Videos und Social-Media-Kanäle auch.

Entscheidend ist und bleibt, dass der Auftritt sei es als Person oder Unternehmen konsistent mit dem restlichen öffentlichen Erscheinungsbild ist. Also, die technische und inhaltliche Qualität der Bilder sollte in etwa der einer persönlichen Visitenkarte entsprechen. Die Wenigsten von uns verwenden für ihre Businesskarten 80g-Papier und drucken sie auf dem eigenen Drucker aus oder erscheinen zum Geschäftstermin in Freizeitkleidung. Und natürlich spielen Zielgruppe und Thema eine erhebliche Rolle.

Nicht immer ist es ratsam, das Locker-Flockige manchen YouTubers einfach zu imitieren. Bei gefeierten „Stars“, deren Clips eine spontane Anmutung suggerieren, ist die Produktion häufig professionalisiert. Sie suchen sorgfältig aus, was ins Bild kommt und was wie gesagt wird. Diskrete Schnitte lassen die Missgeschicke verschwinden. Hinter dem Eindruck des Eben-mal-so steckt viel Überlegung, Übung und manchmal sogar ein ganzes Team.

Und: Technik allein macht noch keinen guten Film. Auch wenn die neuesten Smartphone-Modelle eine sagenhafte Bildqualität liefern, nehmen sie uns doch nicht die Entscheidung ab, welche Aussage wir mit dem Clip treffen wollen und was demzufolge ins Bild soll bzw. im Ton zu hören sein wird. Ohne inhaltliche Vorbereitung kann das Resultat zu Überraschungen führen, wenn das, was im fertigen Video auf dem Bildschirm zu sehen ist, nur wenig gemeinsam mit den Bildern hat, die wir uns im „Kopf-Kino“ vorgestellt haben; denn jede Kamera filmt nur das ab, was sie „sieht“ und jedes Mikrofon nimmt nur das auf, was es „hört“.

Stockbilder, d.h. vorproduzierte kurze Video-Clips, erleichtern die Arbeit manchen Filmers und sparen Kosten, sind aber auf ein sehr breites Spektrum angelegt und transportieren i.d.R. nur eine sehr allgemeine Botschaft. Als dramaturgische „Würze“, können sie visuell für Abwechslung sorgen. In einer bloßen Aneinanderreihung, trotz ihrer z.T. brillianten Qualität, wirkt das Video eher beliebig und in der Aussage austauschbar. Das Besondere, das Individuelle fehlt, denn die Lizenzen zu diesem Bildmaterial können schließlich auch von anderen erworben werden.

Und wie geht es einem vor der Kamera? Dazu mehr im nächsten Beitrag.

Lieber Hören statt Lesen? Der Beitrag hier als Podcast:

04.11.2019

Vom rhetorischen Umgang mit Gegnern oder Empörung ist noch kein Argument…

Was tun, wenn man einen Gesprächspartner gegenüber hat, den man als Gegner begreift noch bevor die Diskussion begonnen hat? Zunächst gilt es Herr der eigenen Emotion zu werden, die allzu leicht die Führung übernimmt! Gerade wenn man sich im Recht glaubt, vielleicht sogar im Recht weiß, geht es schnell ums recht haben als darum, die gegenteilige Auffassung oder gar Weltanschauung zu widerlegen bzw. kritisch zu hinterfragen. Aber Vorsicht: der Begriff „Kritik“ bedeutet nicht „In die Pfanne hauen“, sondern leitet sich aus dem griechischen kritiké téchné ab und meint „Die Kunst der Beurteilung“. Und da steckt nun das bis ins Althochdeutsche reichende Wort Urteil drin, das im Zuge seiner Etymologie zum „Wahrspruch“ des Richters wird. Wenn man den Anspruch erhebt, „wahr“ zu sprechen, braucht es Überblick und so gut es geht, Nüchternheit, ja, Neutralität.

Wut, Enttäuschung, Ängste – kurz, Emotionen vernebeln den Blick und machen das scharfe Schwert des sachlichen Arguments stumpf. An dessen Stelle treten schnelle Wertungen, Schuldzuweisungen und Diffamierung. Meinungen werden nicht ausgetauscht, sondern prallen aufeinander. Bei der Partei, die sich abgewertet fühlt, regt sich (ganz menschlich) Widerstand und Trotz bis zu einem Jetzt-erst-recht. Überzeugt wird niemand. Die Kontroverse mündet in Polemik und die Polarisierung nimmt ihren Lauf. Im persönlichen Streit wird beim Kampf um die gegenseitige Anerkennung viel Porzellan zerbrochen, im größeren Kontext, sei es im politischen oder dem eines Unternehmens, ganze Gruppen in Mitleidenschaft gezogen, bis sich nur noch Lager gegenüberstehen. Twitter und Facebook beschleunigen diesen Prozess zudem. Sachargumente haben es schwer.

An dem Ausgang der Wahlen in Thüringen entzünden sich viele Diskussionen, in denen (wieder) viel Potential nicht genutzt wird, um eine im Wortsinne fragwürdige Partei gründlich zu beleuchten. Der beachtliche Zuwachs an Wählerstimmen, den die AfD jüngst verzeichnen kann, hat viele Gründe; einer davon dürfte auch im sprachlichen Umgang mit dieser Partei zu suchen sein. Trotz vehementer Warnungen haben viele Nichtwähler ihr Kreuz bei der AfD gemacht – rund 77.000 laut Wahlanalyse. Und so kann der stellvertretende Bundessprecher, Georg Pazderski am Wahlsonntag bei Anne Will selbstbewusst verkünden, dass die „AfD das größte Demokratieprojekt der letzten Jahre“ ist, da „die Wahlbeteiligung nach oben getrieben wurde“ und weiter: „Die Wähler gehen wieder zur Urne, weil sie gegen die AfD stimmen oder für die AfD stimmen.“ Das mag kühn klingen und für Manche sogar absurd, ist aber sachlich und für sich genommen erst einmal nicht so leicht von der Hand zu weisen.

Die Moderatorin versucht, „die Kirche im Dorf“ zu lassen, betont, dass die Partei immerhin von 76,5 Prozent nicht gewählt wurde und bietet mit diesem vermutlich wenig überlegten Rechenexempel eine Steilvorlage für Pazderskis schlagfertigen Konter, der aus dem Handgelenk auf die 92,5 Prozent hinweist, die sich eben nicht für die SPD entschieden haben.

Hier wurde die Möglichkeit verschenkt, das Demokratieverständnis der Alternativen, v.a. das des Spitzenkandidaten in Thüringen, vor laufender Kamera detailliert auf den Prüfstand zu stellen – nicht mit wertenden Allgemeinplätzen, die zwar der Empörung Luft verschaffen, aber keine konkrete Aussage bieten; sondern mit der Gegenüberstellung von Wahlprogramm und offiziellen Statements mit konkreten Ereignissen und öffentlichen Äußerungen von Mitgliedern, also mit dem was konkret in der Partei gelebt wird. Eigentlich gehört das zum Instrumentarium eines soliden Journalisten. Der Ansatz des Direktors des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig, Oliver Decker, wäre im Verlauf der Sendung durchaus ausbaufähig gewesen.

Vor allem, wenn der Kontrahent zweifelhafte Positionen vertritt und selbst die Kunst der Rede einigermaßen beherrscht, gilt es, sich sorgfältig vorzubereiten, Fakten zu sammeln, Zusammenhänge im Blick zu behalten und in der Folge mögliche Argumente und Repliken zu antizipieren. Das reduziert schon mal den eigenen emotionalen Druck, weil man handlungs- bzw. argumentationsfähig bleibt. Ein sorgfältiges Zielgruppenprofil hätte z.B. noch mal schnell ins Bewusstsein gerückt, dass der Akademisierungsgrad v.a. in der Führungsriege der AfD ziemlich hoch ist. Es ist also davon auszugehen, dass hier eine gewisse Übung besteht, in These und Gegenthese zu denken und jede Empörungsgeste mit dem entsprechenden Argument parieren zu können.

In Dänemark hat es die Kandidatin der Sozialdemokraten, Mette Ferderiksen, geschafft u.a. auch mit einer abgerüsteten Rhetorik die Wogen zu glätten und die erstarkende Rechte zu schwächen, indem sie z.B. die sich gegenüberstehenden Lager auf Augenhöhe adressiert: „Du bist kein schlechter Mensch, nur weil du dir Sorgen machst wegen der Migration.“ Und: „Du bist auch nicht naiv, wenn du anderen Menschen helfen willst, ein besseres Leben zu haben.“1 2019 konnten die Sozialdemokraten in Dänemark 25,9 Prozent der Wählerstimmen gewinnen, während die rechtsgerichtete Dänische Volkspartei von 21 Prozent auf 8,7 Prozent abgerutscht ist. Noch kein Grund zum finalen Jubel, aber ein Anfang.

Anne Will, Sonntag 27.10.2019: Mediathek

1) Vgl.: Erst die Fakten, dann die Moral. Warum Politik mit der Wirklichkeit beginnen muss, Boris Palmer, München 2019, S.16

Lieber Hören statt Lesen? Der Beitrag hier als Podcast:

17.09.2019

Wie demontiert man einen Interviewpartner und bereitet ihm doch die große Bühne?

Aktuell in der ZDF-Mediathek zu sehen, die das vollständige Interview mit Björn Höcke zeigt und dass die Kameras auch nach der Unterbrechung, während der anschließenden Auseinandersetzung nicht ausgeschaltet werden.

Ja, der Spitzenkandidat der AfD für Thüringen streift in seinen Ansichten den politisch rechten Rand bedenklich und scheut sich keineswegs rhetorisch Grenzen zu überschreiten. Und ja, Höcke spielt, wie der interviewende ZDF-Journalist betont, mit „kontaminierten Begriffen“, die provozieren und im speziellen Gebrauch gerade durch einen AfD-Politiker wenig Interpretationsspielraum lassen. Und ja, es ist eine journalistisch witzige und legitime Idee, AfD-Politiker mit Zitaten zu konfrontieren, deren Wortwahl aus historischer Sicht fragwürdig, also im Wortsinne einer Frage würdig ist. In kurzen Ambush-Interviews im Bundestag sollten die Politiker benennen, woher diese kurzen Sätze stammen könnten und hatten die Wahl zwischen Mein Kampf und Höckes Buch Nie zweimal in denselben Fluss. Keiner der Befragten hat die Zitate zuordnen können oder wollen.

Im Interview mit den Aufnahmen konfrontiert, antwortet Björn Höcke eloquent, rhetorisch ziemlich geschickt und nutzt die Möglichkeit der großen Fernsehplattform. Keine plumpe Polemik, sondern raffiniert ausgewählte Sachargumente, die einige Aspekte benennen und andere weglassen. So hätte es, trotz des unfairen Einstiegs in das Interview, weitergehen können, bis der Presseleiter unterbricht und sich über die Fragen beschwert. Er hätte das Gespräch weiter laufen lassen können und wesentlich mehr gewonnen; denn die Journalisten, die den rechtsradikalen Wolf im demokratischen Schafspelz entlarven wollten, hätten ihm die ideale Bühne verschafft, um interessierten Wählern vorzuführen, dass, sobald Dinge beim Namen genannt werden, der mediale Pranger für AfD-Politiker bereit steht – in Gestalt der reflexartigen Zuordnung zum rechtsradikalen Sprachgebrauch. Rhetorisch hätte Höcke sehr wahrscheinlich durchgehalten, denn bis zur Unterbrechung kam ihm kein ernsthafter Lapsus unter. Der Presseleiter hätte seinem Chef vertrauen sollen.

Stattdessen steigt Höcke in die Auseinandersetzung ein und so wird der Zuschauer Zeuge, wie ein solches Interview zustande kommt: es gibt eine Anfrage, die in etwa beschreibt, zu welchen Themen der Interviewpartner befragt werden soll. Medienerfahrene wissen, dass es nicht dabei bleibt, sondern auch kritische Fragen zu schwierigen Themen gibt. Die Pressestelle der AfD-Fraktion konnte also nicht wirklich erwartet haben, dass es nur um die angekündigten Fragen ging; denn u.a. ist auch die Sprache des Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden immer wieder Gegenstand der medialen Analyse und Kritik.

Dennoch: Auch der anschließende Umgang mit dem Filmmaterial seitens des ZDF ist fragwürdig. Beharrlich hält der Journalist daran fest, das Material zu senden, obwohl es durch die eindeutige Unterbrechung eben kein Interview mehr ist. Geht es also doch darum, AfD-Politiker lediglich vorzuführen? Mutiert hier das Interview nicht zu seiner ursprünglichen Bedeutung, dem Verhör? Statt der grellen Schreibtischlampe des Kommissars, die jede mimische Regung des (vermeintlichen) Delinquenten ausleuchten soll, ist es hier die Kamera des Teams, die unerbittlich drauf hält und nicht mehr einen Gesprächspartner zeigt, der als Politiker herausgefordert wird. Der Zuschauer spürt im Laufe der rund 17 Minuten, dass hier nun auch seitens des Journalisten eine Grenze überschritten wird. AfD-Politiker hin, rechts her, der voyeuristische Blick ausschließlich auf denjenigen, der sich zunehmend in der schwächeren Position befindet, provoziert eher eine Solidarisierung mit dieser Person. Wäre mit Politikern anderer Parteien oder anderen Interviewpartnern ebenso umgegangen worden? Die Frage Höckes ist leider berechtigt. Seine Drohung mit Konsequenzen für den Sender wirkt schwach, zu schwach, um einen ernsthaften Angriff auf die Pressefreiheit daraus abzuleiten. Zuschauer, die ohnehin ein distanziertes Verhältnis zu den Öffentlich-Rechtlichen haben, dürften sich bestätigt sehen, den „Medien“ auch weiterhin nicht zu trauen und die AfD in ihrem Narrativ, dass ihre Vertreter stets Opfer der Medien sind. Mal sehen, welchen Einfluss dieses Ereignis auf die ein oder andere Wählerentscheidung in Thüringen hat, denn um diese Wahl hätte es ja eigentlich auch gehen sollen. Und es wäre interessant gewesen, welche konkreten Lösungsvorschläge auf demokratischer Grundlage für die Probleme des Bundeslandes von der AfD gekommen wären. Schade.

27.08.2019

Boris Johnson rhetorisch auf Augenhöhe mit Winston Churchill?

Der frisch gebackene britische Premier Boris Johnson würde gern mit seinem Vorbild Winston Churchill in einem Atemzug genannt werden. Ein Buch, in dem er natürlich betont, dass der Vorgänger im Amt der Größere von beiden sei, evoziert die Annäherung bereits. Beim Vergleich einer seiner jüngsten Podcasts mit der Rede, die Churchill 1942 in den USA gehalten hat, werden die Unterschiede schnell deutlich.

Bei Johnson, der direkt in die Kamera schaut und dem Absender einer Mail auf die Frage antwortet, ob der Brexit nun tatsächlich stattfinde, ist zwar viel Handbewegung zu sehen, die aber willkürlich erscheint und die beabsichtigte Emotionalität nicht transportiert, da der echte Inhalt fehlt. Auch die Wiederholung, den Brexit zum 31. Oktober auch wirklich durchzuziehen, macht die konkrete Umsetzung nicht anschaulicher. Eine eingestreute Verschwörungstheorie, dass die Mitglieder des Britischen Parlaments und Brüssel, heimlich den Austritt des Vereinigten Königreichs verhindern wollten, macht Johnson nicht glaubwürdiger. Vielmehr könnten böse Zungen im Umkehrschluss nun fragen, wie es denn mit seinem Standing als Premier überhaupt bestellt sei, wenn das Parlament einer solchen „heimtückischen“ eigenen Agenda folgt. Zahlreiche Weißblenden, z.T. mitten im Satz, lassen die etwa zweiminütige Ansprache visuell sehr unruhig erscheinen und offenbaren, dass der Minister keineswegs „live“ spricht, wie im ersten Satz dramatisch behauptet. Der Einsatz dieser Schnitttechnik, bei der ein kurzes weißes Bild eingeblendet wird, findet v.a. dann Anwendung, wenn’s schnell gehen muss, bei Interviewpartnern, deren Sätze kein Ende finden oder die sich häufig versprechen und daher korrigieren müssen. Also, hatte Johnson den Text seiner Botschaft nicht so ganz präsent? Ein echter Live-Mitschnitt wäre hier interessant gewesen… Auch der wiederholt fragende Blick, der sich an eine Person hinter der Kamera zu richten scheint, stört die Illusion eines direkten Dialogs mit dem Zuschauer.

Ganz anders dagegen Winston Churchill. Wäre der Video-Podcast zur Zeit des Zweiten Weltkriegs erfunden; der zweimalige Premierminister hätte dieses Medium gut zu nutzen gewusst. Die Rede, mit der er in den USA den Schulterschluss gegen totalitäre Regime, wie Deutschland, Italien und Japan sucht, ist sorgfältig vorbereitet. Nichts ist hier dem Zufall überlassen. Jeder Satz, jede Pointe ist ausgefeilt und verfehlt die Wirkung auf die Zuhörer nicht. Ein Scherz lockert und wird vom ernsten Aufruf, zusammenzustehen, abgelöst. Die Stimme hebt sich, wird wieder leiser oder klingt fast beiläufig, wenn der Staatsmann Persönliches einzuflechten scheint. Die ausgeklügelte Rhetorik ist unverkennbar. Dennoch: man glaubt die Emphase, selbst in der antik anmutenden Wiedergabequalität der Aufnahme, und trotz des häufigen Blicks auf das Manuskript. Man glaubt ihm die Emphase, weil genau diese gewissenhafte Vorbereitung offenbart, wie wichtig Churchill diese Rede und sein Publikum sind. Man glaubt die Emphase auch, weil echte Feinde, in einem realen Weltkrieg eine substantielle Bedrohung bedeuten, die ihn wirkungsvoll sagen ließ: „Now we are masters of our own fate.“

Churchill hatte sich mit einer Konstellation auseinander zu setzen, die sich in Nichts mit der von Johnson willkürlich herbeigeführten Situation vergleichen lässt, selbst wenn er sie als Bedrohung von außen darstellt. Natürlich ist ein Video-Podcast keine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede, aber die Attitüde mit der Johnson startet, lässt eine gewisse Ernsthaftigkeit dem Thema und dem Betrachter gegenüber erwarten. Die tatsächliche schlechte Vorbereitung oder die absichtlich zur Schau gestellte Nachlässigkeit vermitteln als Subbotschaft, dass es Johnson wesentlich um Johnson geht und er weit von seinem Vorbild Churchill entfernt ist, allen verbalen Absichtserklärungen zum Trotz.

https://www.youtube.com/watch?v=GrgDOb6Cnmc

https://www.youtube.com/watch?v=SOQwa73KXbs

05.06.2019

Mea Culpa mea maxima Culpa

Andrea Nahles hat das Handtuch geschmissen und zwar gründlich. Sie hat Parteiführung, Fraktionsvorsitz und ihr Bundestagsmandat zurückgegeben, ist also komplett ausgestiegen ­– dann doch überraschend. Tabula rasa. Natürlich startet das Medienkarussell mit der Frage nach dem Warum, Wer-ist-schuld, Hätte-das-vermieden-werden-können. Alles wird in einer blitzartig zusammengestellten Talkrunde am Sonntag des Rücktritts bei Anne Will (02. Juni) mit allem verrührt: der Rücktritt der Parteichefin der SPD mit der in Teilen schleppenden Klimapolitik der Großen Koalition, verbunden mit der Frage nach Ökonomie vs. Ökologie, schließlich noch eine Prise fehlende Kommunikationskonzepte v.a. mit der jungen (Youtube-)Wählergeneration – ach, einfach alles.

Genug, um in zahlreichen Interviews der unterschiedlichen Nachrichtenformate und Brennpunkte und eben bei Anne Will die neue Kommunikationsstrategie der vom Wähler abgestraften Politiker zu studieren.

Jetzt scheint die Wählerschaft nicht mehr für unwissend und naiv gehalten zu werden, dem man alles erst mal richtig „erklären“ muss, bevor er oder sie die z.T. schwer nachvollziehbaren Entscheidungen glaubt – oder schluckt (?).

Nun steht das bedingungslose Schuldeingeständnis rhetorisch an erster Stelle – emotional vorgetragen von Norbert Röttgen, der nun „realistisch über die Defizite reden“ möchte und erkennt: „wir sind nicht auf der Höhe der Zeit.“ Warum eigentlich? Wo die Analyse auf Nachfragen der Moderatorin und der jungen Umweltaktivistin und Wählerin, Luisa Neubauer, einsetzen müsste, bleibt es beim Bekenntnis „nostra culpa“: „Das Thema Klimaschutz haben wir in den vergangenen Jahren total vernachlässigt.“

Ja. Aber wie kommt’s?

Und hier setzen Youtuber wie Rezo an, die Worten und Taten, wenn auch verkürzt, vergleichen und opulent formulierte Absichtserklärungen, der Volksparteien als Lippenbekenntnis entlarven.

Rhetorische Kniffe allein ersetzen keine wirklichen Inhalte, sondern können vielmehr Glaubwürdigkeit kosten. Erst beide Aspekte zusammen: Inhalte und Redekunst überzeugen, zeugen also im Wortsinn von der Integrität des Redners. Ein altes Problem, das bereits Rhetoriker, der Antike beschäftigt hat.

07.05.2019

Politik trifft auf echten Bürger … und das Worthülsenfeuerwerk nimmt seinen Lauf.

Aber von vorne: am Sonntagabend (05. Mai) ging es bei Anne Will um die geplante Erhebung einer neuen Steuer, einer CO2-Steuer, die alle Bürger zu entrichten hätten, wenn sie z.B. Auto fahren oder mit Heizöl heizen oder… Der Deutsche Bürger reagiert empfindlich, wenn eine neue Steuer zu befürchten ist; denn Steuern, einmal eingerichtet, werden, wenn überhaupt, nur sehr, sehr zögerlich wieder abgeschafft. Entsprechend hitzig und emotional war die Debatte.

Ioannis Sakkaros, Bürger, angestellt bei Porsche, bekennender Dieselfahrer und Initiator der Gelbwesten-Proteste in Stuttgart hat nach der Anmoderation das erste Statement und fragt die anwesenden Politiker: „Wir zahlen bereits Ökosteuern […] wo ist das ganze Geld hin?“ Die Moderatorin gibt die Frage an Annalena Baerbock, Parteivorsitzende von Bündnis90/Die Grünen, weiter und spitzt zu: „Warum sollte Herr Sakkaros der Politik vertrauen?“

Replik Baerbock: „Ich kann Ihren Frust total verstehen, den Sie angesprochen haben…“ Sakkaros, nicht im Bild, wehrt sich aber hörbar gegen die Zuschreibung, er sei „frustriert“. Zu schwach; denn die Grünenpolitikerin, ebenfalls bekennende Dieselfahrerin, benutzt ihre Behauptung zum emotionalen Zustand ihres Gegenübers, lenkt das Gespräch brachial auf den Dieselskandal, versucht damit eine Gemeinsamkeit der Opfer des Dieselskandals herzustellen und weicht damit einer konkreten Antwort auf eine konkrete Frage, nämlich die nach den Steuern, aus. Mit der rhetorischen Brechstange führt Annalena Baerbock vor, wie der beim Bürger wenig goutierte Politikersprech geht: Verständnis zeigen (Stichwort: Zuhören), ein Wir herstellen und dann auf ein anderes Thema lenken, was zwar eine Verbindung zur gestellten Frage hat, aber weitaus weniger gefährlich ist. Das erzeugt dann wirklich „Frust“.

Rhetorischer Höhepunkt des ersten Statements der Politikerin: „Politik muss Verantwortung übernehmen und den Vertrauensverlust wieder gut machen.“ – gemeint ist der Dieselskandal, nicht die zu hinterfragende Verwendung der Ökosteuer. Grandios. Zuschauer und Zuschauerin Normalverbraucher warten nun gespannt auf die Erläuterung, wie „Vertrauensverlust wieder gut“ gemacht werden soll und natürlich immer noch auf die Beantwortung der Frage, was denn die Ökosteuer, die ja den Umweltschutz sozusagen im Namen führt, tatsächlich zur Steuerung des Klimas und seiner Verbesserung beiträgt? Vergebens. Stattdessen erfahren Zuschauer und Studiogäste von der Parteivorsitzenden, dass es „die Politik“ genauso wenig gäbe wie „die Autofahrer“. Ein Nullsatz mit der Subbotschaft: wir („die Politik“?) übernehmen garantiert keine Verantwortung.

Und so geht es in der Sendung weiter. Konkrete Umsetzungsbeispiele, die aufzeigen, wie dem zunehmend bedrohlichen Treibhausgases rasch beizukommen ist, die sich dann mit einer zusätzlichen Steuer finanzieren und mit ebenso konkreten Gesetzen flankieren lassen, werden kaum gestreift. (Steuern und Gesetze sind die einzigen Instrumente, die die Grünenpolitikerin für die Verbesserung der CO2-Bilanz im Verlauf der Sendung nennt.)

Oberflächlich betrachtet mag es rhetorisch geschickt erscheinen, konkreten und emotional aufgeladenen Fragen auszuweichen, dem Gegenüber einmal übers Haupt zu streichen, mit dem Hinweis, dass man ihn oder sie verstehe, um mit einem „aber“ einfach einen neuen Debattenschauplatz zu eröffnen – zu empfehlen ist es nicht, will man auch in Zukunft glaubwürdig bleiben und Vertrauen eben nicht verspielen. Die Tücke der Subbotschaften, der verbalen wie der nonverbalen, besteht darin, dass sie sehr wohl verstanden werden, aber nicht rational sondern emotional, sozusagen „subkutan“. Und „unter der Haut“ wirken sie viel tiefer und gründlicher als jede Phrase, jedes Ablenkungsmanöver, das als vermeintliches Argument daher kommt.

12.04.2019

Very Britisch?

Geht’s ums Geld, geht’s ums Ganze – überall auf der Welt, in jeder Familie und in jeder Regierung.

Im House of Commons ist der Schlagabtausch zwischen Premierministerin Theresa May und dem Parteivorsitzenden der Labourpartei, Jeremy Corbyn sehr lebendig. To say the least. Ob Kinderarmut oder sinkende Einkommen der mittleren und unteren Gehaltsklassen, es wird Penny um Penny scheinbar erbittert gestritten, gesteuert durch Mr. Speaker, der entweder May oder Corbyn aufruft, um der jeweiligen Replik des Anderen etwas entgegen zu setzen.

Lediglich getrennt durch einen Rednertisch antworten die Diskutanten direkt, müssen sich beim Zuhören immer wieder setzen und stehen zum Reden wieder auf. Man kann eine Vorsichtsmaßnahme im ältesten Parlament Europas vermuten, die in der Vergangenheit eine körperliche oder gar bewaffnete Auseinandersetzung zwischen den Kontrahenten vermeiden half – ähnlich wie die rote „Bianca-Line“ die Abgeordnete der verschiedenen Lager auf Abstand von zwei Schwertlängen hält.

Statt mit geschliffener Klinge sucht man nun den Gegner durch eine scharfe Rhetorik in die Enge zu treiben. Ein Rhetorik, die schnell auf den Punkt kommt, Fakten nennt und mit sehr wenig Worthülsen auskommt, begleitet durch ein lautstark zustimmendes Yeah, Yeah oder ein ablehnendes Raunen der Abgeordneten. Man sitzt sehr eng und kuschelig auf zwar gepolsterten Bänken, aber eben auf Bänken, die ihren Namen verdienen, sind sie doch weit entfernt von der Bequemlichkeit der Sessel im Bundestag.

Eine solche Nähe und die Tradition (auch der heftigen) politischen Debatte sorgen für einen Grad an Emotionalität, die dem deutschen Betrachter fremd vorkommen mag, für den das Bild der englischen Zurückhaltung mit den Temperamentsausbrüchen britischer Politiker nicht so recht zusammen passen will. Inzwischen sind wir mit den Debatten „dank“ des Brexits etwas vertrauter, aber beim Vergleich mit einer Anhörung im Deutschen Bundestag, wirkt letzterer sehr still.

In jedem Fall lohnt es May und Corbyn bei der Arbeit zuzusehen. Trotz der Heftigkeit, verliert keiner von beiden die Contenance, bleibt rhetorisch scharf, emotional engagiert (möglicherweise durchaus kalkuliert) und authentisch.

Die Debatte bei Youtube gibt es hier.

29.03.2019

Die Tücken des Manuskripts oder warum alle Rede ohne persönliche Präsenz nichts ist.

Zwei engagierte Reden. Zwei Politikerinnen. Julia Reda hält im EU-Parlament ein flammendes Plädoyer gegen die (inzwischen beschlossene) EU-Richtlinie zu geplanten Uploadfiltern für Social Media Plattformen. Die junge Parlamentarierin hat mit den z.T. lautstarken, auf dem politischen Parkett allerdings nicht ungewöhnlichen Störungen ihrer politischen Gegner zu kämpfen, aber auch mit eigenen Schwächen, die wie eine Einladung auf manchen Zwischenrufer wirken mögen.

Stichhaltige Argumente, wenngleich mit Emphase vorgetragen, wirken deutlich schwächer, wenn sie nur abgelesen werden und der Blick eher am Redemanuskript haften bleibt, statt den Kontakt mit den Zuhörern zu suchen. Natürlich fällt das nicht leicht, wenn das Publikum einem selbst bzw. den eigenen Argumenten nicht gewogen ist. Brodeln im Inneren dann auch noch Emotionen, weil man für das Thema eben brennt, kann es durchaus sein, dass man sich selbst nicht mehr so ganz über den Weg traut und sich lieber auf den bereits fertig formulierten Text verlässt.

Zu empfehlen ist das nicht, v.a. dann nicht, wenn es um’s Ganze geht. Die (inzwischen ehemalige) Vertreterin der Piraten verliert an Präsenz, überlässt während längerer Phasen des Ablesens ihren Gegnern den Raum, ihren Raum. Eine solche Situation lässt sich gefühlt mit der eines Raubkatzen-Dompteurs in der Zirkusarena vergleichen. Eine Unaufmerksamkeit, mangelnde physische, aber auch psychische Präsenz können für den Dompteur böse Folgen haben. Während einer kritischen Redesituation kann fehlender Kontakt, ein Ausweichen mit dem Blick von den nicht wohlwollenden Zuhörern als „Flucht“ gewertet werden. Das geschieht meist unbewusst, hat aber zur Folge, dass bei einigen der „Jagdinstinkt“ geweckt wird und die unglückliche Dynamik – wenn auch nicht lebensbedrohlich – ihren unangenehmen Lauf nimmt.

Zur physischen Präsenz zählt v.a. in angespannten Momenten auch die Stimme, die bei Julia Reda durch das laute Reden angestrengt klingt, d.h. etwas zu hoch und zu flach. Das Volumen fehlt, so dass die Politikerin akustisch dünn und klein wirkt. Lautes Reden will gelernt sein und sechs Minuten können dann sehr, sehr lang werden. Die Souveränität schwindet, und der Gesamteindruck entspricht dann oft nicht der inhaltlichen Qualität des Vorgetragenen. Die Rede von Frau Reda bei YouTube.

Sahra Wagenknecht liest im Bundestag Angela Merkel und ihrer Großen Koalition ob der EU-Politik die Leviten, nicht vom Blatt, sondern frei. Das Manuskript dient lediglich als Stichwortgeber, führt als roter Faden durch die Rundumkritik. Am Rednerpult steht eine erfahrene Politikerin, die rhetorisch geschickt die passenden Begriffe wählt, um ihre Zielgruppe zu adressieren und die sich in wohldosierter Polemik auskennt. Der häufige Blick ins Plenum garantiert notwendige Präsenz, die es in der politischen Manege braucht – und nicht nur dort. Die direkte Ansprache verleiht den Botschaften die adäquate Betonung mit stets volumenreicher Stimme, ohne künstlich wirkende Emphase.

Die offene Hinwendung zur Kanzlerin ist angriffslustig. Die reagiert demonstrativ mit zur Schau gestellter Gleichgültigkeit, beschäftigt sich mit ihrem Smartphone, geht umher, parliert mit anderen – und macht keine gute Figur. Den Gegner bei seinen Reden möglichst zu ignorieren, gehört zwar zum politischen Spiel; vom Wahlvolk wird das Verhalten jedoch nicht goutiert, vielmehr in den YouTube-Kommentaren bissig kommentiert bis zur Forderung nach einem Smartphone-Verbot für den Bundestag. Die Rede Wagenknechts wirkt engagiert, aber nicht nervös und aufgeregt. Sie geht, als Siegerin vom Pult. Der Auftritt war souverän. Ihre langjährige Erfahrung kommt ihr zugute. Hier Frau Wagenknechts Beitrag bei YouTube.